Eintrag 56, KW17/ 2021

„Neugestaltung heißt auch Abschiednehmen vom Alten“

Neben all der Spannung und Vorfreude, die mich selbst antreibt und die mir in Gesprächen über den Gemeindehausneubau entgegenschlägt, nehme ich natürlich auch Skepsis und Wehmut wahr. Manche sind emotional bei weitem noch nicht so weit, sich auf neue Verhältnisse einlassen zu können. Erst kürzlich wieder saß ich mit Gemeindegliedern bei einem Kasualgespräch im Clubraum, den sie noch aus der Konfirmandenzeit her kannten. Die Beteiligten ließen ihren Blick schweifen und gerieten in nostalgische Erinnerungen. Sie tauchten ein in eigene biografische Zugänge, die ihnen diesen Begegnungsort zur vertrauten Heimstatt hat werden lassen.

Rational betrachtet, sind es wohl bei vielen eher die „guten alten Zeiten“, die den Wert des Wichernhauses ausmachen. Schließlich sind die Mängel aus Abnutzung und Verwitterung, sowie der technische, energetische und ästhetische Sanierungsstau bei diesem Altbau kaum zu übersehen. Aber wegdiskutieren lässt sich die empfundene Vertrautheit und der hohe Stellenwert eigener Erinnerungen nunmal nicht, die viele mit unseren bisherigen Gemeinderäumen verbinden.

Die Detailplanung für das neue Gebäude, die Klärung der mittel- und langfristigen Finanzierbarkeit, die theologischen Überlegungen zum Gemeindeaufbau und den nötigen Weitblick, den all die Veränderungen in unserem Gebäudebestand für das Pfarrbüro oder für die zahlreichen Akteure unserer Gruppen und Kreise nötig machen, sind derzeit nur eine Aufgabe. Die andere – vermutlich noch viel wichtigere – Aufgabe im Bereich der aktuellen Gemeindeleitung besteht in der Vermittlungsarbeit nach innen und nach außen. Es braucht noch einige Anstrengung, Geduld und viele Gespräche, bis dieses Bauprojekt von der Mehrheit auch irgendwann angenommen werden kann und bis eine neue Generation von Nutzern den Ende 2022 eröffneten sakralen Gebäudekomplex durch persönliche Akzeptanz in den Status einer selbstverständlichen und vertrauten Begegnungsstätte erhebt. Diesen inneren Wachstumsprozess gilt es jetzt schon anzuregen. Geerntet wird freilich erst viele Jahre – vielleicht sogar Jahrzehnte später.

Weil mir das von Anfang an klar war, werde ich nicht müde, immer wieder den Prozess zu skizzieren, der zur Entscheidung geführt hat, das alte Gemeindehaus trotz seiner Geschichtsträchtigkeit aufzugeben. Da gibt es Sachargumente genug: Der Konkurs der Gemeindefinanzen und das anschließende Haushaltssicherungsverfahren; das Liegenschaftsprojekt der Landeskirche, das eine deutliche Reduktion der Gemeindehausflächen fordert; die ökologische Ausrichtung unserer Gemeinde und unserer Landeskirche, in der eine enorme CO²-Minderung angestrebt wird; das stetige Schrumpfen unserer Gemeindemitgliederzahl und die Veränderung der Milieus in unserer künftigen Gemeindestruktur; …

Doch selbst wenn mir viele aufmerksam zuhören, bekomme ich am Ende doch oft Sätze wie diese zu hören: „Trotzdem schade!“ „Es hat doch bisher immer genügt.“ „Ich habe mich hier immer wohlgefühlt.“ „Ob mir das neue Gebäude dann gefallen wird, weiß ich noch nicht.“

Allein mit rationalen Argumenten ist diesem Verlust-Gefühl und dem Eindruck drohender Entwurzelung nicht beizukommen. Der Trauerprozess um das Wichernhaus hat längst begonnen und wird uns auch noch eine ganze Weile begleiten. Ob er durch die Euphorie eines wachsenden Neubaus und durch neue technische und gestalterische Möglichkeiten in der funktional aufgewerteten Christuskirche komplett aufgelöst und befriedet werden kann, hängt nicht nur von einer klugen Prozessgestaltung und Verwirklichung ab. Sondern auch davon, ob sich die potentiellen Nutzer der Zukunft diesen neuen Räumen emotional öffnen und damit eine neue individuelle Tradition auch in den familiären und persönlichen Berührungspunkten mit Kirche und Gemeinde begründen können. Dazu braucht es die Bereitschaft, die ich nicht herbeireden oder mit Überzeugungskraft positiv beeinflussen kann. Dieser Teil der Vermittlungsarbeit macht mich demütig, weil die Akzeptanz der anderen Seite nötig ist und sie vermutlich auch nur langsam wachsen kann. Überall da, wo Wehmut, Trauer oder Ablehnung aufkommen, bleibt mir nur, zuzuhören und all die alten persönlichen Zugänge aus den Lebensgeschichten der hier Aufgewachsenen wertschätzend aufzunehmen. Das ist Seelsorge – neben der Gemeindeleitung eines unserer Kernkompetenzen als Theologen. Möge für beides immer genügend Kraft, Gelassenheit und Empathiefähigkeit vorhanden sein.

Mit herzlichen Grüßen,

Bernhard Wielandt, Pfr.