am 3. Oktober feiern wir in der Kirche üblicherweise das Erntedankfest. Erntedankfeiern gibt es bereits seit über 5000 Jahren– also schon in vorchristlicher Zeit, wie zum Beispiel bei den Ägyptern. Die ersten Erntedankfeiern im Christentum sind dagegen erst seit dem 3. Jahrhundert belegt, und erst viel später hat sich ein fester Platz im Kirchenjahr etabliert – nämlich der erste Sonntag im Kirchenjahr.

Das wohl berühmteste Erntedankfest, das wir kennen, ist das amerikanische Thanksgiving. Dabei trifft sich die ganze Familie zu einem Festessen, dass üblicherweise aus Truthahn besteht. In amerikanischen Serien sieht man dann wie die Familie um den festlich gedeckten Tisch sitzt und jeder sagt, wofür er an diesem Tag dankbar ist. Ich finde die Idee schön an diesem Tag darüber nachzudenken, wofür man dankbar ist im Leben. Denn war die Ernte in früheren Jahrhunderten eines der wichtigsten Ereignisse überhaupt, hing von ihr doch das Überleben vieler Menschen ab, so gibt es heute doch viele Menschen, die damit nichts mehr anfangen können. Wer nicht in der Landwirtschaft arbeitet oder wenigstens Hobbygärtner ist, hat kaum noch Bezug zu Saat und Ernte und hört nur dann in den Nachrichten davon, wenn es ein besonders schlechtes Erntejahr war, z.B. aufgrund von Dürre, wie im vergangenen Jahr oder zu viel Regen wie in diesem Jahr. Missernten haben bei uns in den westlichen Ländern allerdings meist nur noch Auswirkungen auf den Preis bestimmter Lebensmittel, sie sind für uns aber kaum noch existenziell, so wie früher, wo schlechte Ernten Hungersnöte verursachten, infolge derer viele Menschen starben. Das gilt jedoch nicht für alle Menschen auf der Welt und gestiegene Lebensmittelpreise können auch hierzulande Menschen in Not bringen.

Aus diesem Grund wollen wir an Erntedank nicht nur Gott danken, sondern unserer Dankbarkeit Ausdruck verleihen, indem wir unsere Güter mit anderen Menschen teilen. So lässt Gott durch den Propheten Jesaja ausrichten: „Das ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn […] (Jes 58,7).

In vielen Kirchen finden sich an diesem Sonntag prächtige Erntedankaltäre, die unseren Wohlstand spiegeln. Wurden diese Altäre früher vornehmlich aus Erntegaben wie z.B. Obst, Gemüse und Getreide geschmückt, so finden sich inzwischen oft auch andere Gaben darauf wie z.B. in unserer Nußlocher Kirche. Hier spenden die Gemeindemitglieder unter anderem Nudeln, Mehl, Zucker, Salz oder auch Körperpflegeprodukte, die nach dem Gottesdienst an die Tafeln weitergegeben werden. So ist am Erntedankfest unser Dank, für das, was Gott uns schenkt, gleichzeitig ein Teilen mit denen, die nicht so reich beschenkt wurden.

Doch Gott fordert uns nicht nur dazu auf, unsere Gaben und Güter mit den weniger Privilegierten zu teilen, sondern er ermuntert uns auch dazu, unsere Zeit zu teilen -und zwar mit den Menschen, die uns am Herzen liegen: „Das ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn […] und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut.“ – so endet dieser Vers.

Wir leiden hier in der westlichen Welt nicht mehr unter Hungersnöten und dank unseres Sozialsystems muss bei uns kein Mensch mehr verhungern. Doch die letzten beiden Jahre haben uns vor Augen geführt, dass es auch heute noch genügend Dinge gibt, die für uns existentiell sind. Die Corona-Pandemie hat uns unter anderem gezeigt, wie wenig selbstverständlich Gesundheit und Gemeinschaft sind. Viele Menschen verloren aufgrund von Covid-19 ihr Leben oder ihre Gesundheit. Andere litten unter den Folgen von Isolation, Einsamkeit oder Depression. Wir haben erlebt, dass Vieles, was wir bis dahin für selbstverständlich hielten, ganz und gar nicht selbstverständlich ist. Leben, Liebe, Gesundheit und Menschen, die für uns da sind, sind Gaben Gottes, für die wir uns glücklich schätzen, und für die wir dankbar sein dürfen.

Hier ist ein Blick auf das amerikanische Thanksgiving hilfreich: Wenn die Amerikaner Thanksgiving feiern, dann danken sie Gott nicht nur für die Erntegaben, sondern sie denken auch darüber nach, wofür sie ihm sonst noch dankbar sind. Das ist das eine. Das andere ist, dass sie diese Dankbarkeit mit den Menschen teilen, die ihnen wichtig sind. Zu unserem täglichen Wohl gehören nicht nur Essen und Trinken, ein Dach über dem Kopf oder Gesundheit, sondern vor allen Dingen auch Menschen: Menschen, die wir lieben und mögen und die uns lieben. So könnte das Erntedankfest doch zu einer guten Gelegenheit werden, unsere Dankbarkeit für das, was wir von Gott geschenkt bekommen mit unseren Lieben zu teilen. Schon vor Corona war und ist es nicht selbstverständlich, dass alle uns nahestehenden Menschen in unserer Nähe wohnen. Aufgrund großer Entfernungen ist es oft schwierig, alle an einen Tisch zu bekommen. Doch gerade die letzten beiden Jahre haben gezeigt, wie wichtig und unersetzlich gerade Familie oder Freunde für unser Wohlbefinden sind. So könnte uns ein Blick auf Thanksgiving vielleicht dazu anregen, an Erntedank Gott neben Essen und Trinken, Gesundheit und Wohlstand vor allem für die Menschen zu danken, die wir lieben, und das tun wir in seinem Sinne, indem wir diesen Menschen unsere Zeit schenken.

„Das ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn […] und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut.“. Danken und teilen: Sich an Erntedank auf den Zusammenhang dieser Worte zu besinnen ist heilsam. Ich danke Gott, für das was ich geschenkt bekommen oder mir erarbeitet habe und teile es mit anderen und ich danke Gott für die Menschen, die mir wichtig sind und teile meine Zeit mit ihnen.

In diesem Sinne wünsche ich im Namen der Evangelischen Kirchengemeinden Leimen, Sandhausen, St. Ilgen und Nußloch ein gesegnetes Erntedankfest!

Ihre Pfarrerin Gerda Motzkus