Liebe Konfirmanden!

Wir haben auf unserer Freizeit in Neckarzimmern gemeinsam den Film „Amelie rennt“ angesehen. Er erzählt die Geschichte der lebensbedrohlich an der Lunge erkrankten 13-jährigen Amelie, die nach einem schweren Anfall von Atemnot von ihrer Heimat Berlin aus zur Genesung in ein Schweizer Sanatorium geschickt wird. Ihre Eltern liefern sie selbst dort ab. Sie und die behandelnden Ärzte versprechen sich von der Umgebung in den Bergen und von der Therapie eine deutliche Verbesserung ihres Gesundheitszustands. Denn bei den Erwachsenen ist die Sorge groß, dass Amelie den nächsten Anfall nicht überleben wird.

Doch die unfreiwillige Patientin hadert schwer mit ihrem Schicksal und verweigert all die gut gemeinten Ratschläge und ärztlich verordneten Maßnahmen. Auch zur Zimmernachbarin findet Amelie in ihrer ablehnenden Haltung keinen freundschaftlichen Zugang. Es gibt auf allen Ebenen ordentlich Stress. Als die Konfrontation sich zuspitzt, verlässt Amelie nachts heimlich das Sanatorium und flieht ohne Plan in die Berge – den Gipfeln entgegen, den anstrengenden Weg hinauf. Eigentlich hat Amelie dafür weder die Kondition noch das nötige Lungenvolumen. Auch die fehlende Erfahrung mit den Naturphänomenen in den Bergen, die mangelnde Ausrüstung und das stetig zur Neige gehende Notfallspray signalisieren der Ausreißerin, dass sie sich ordentlich in Gefahr begeben hat. Aber in ihrem jugendlichen Starrsinn und Ungestüm, in ihrer Auflehnung gegen die Krankheit und auf ihrer Suche nach dem eigenen Weg durch die gut gemeinten Ratschläge ihrer bisherigen erwachsenen Bezugspersonen hindurch, will sie einfach endlich nur sich selbst spüren und alle negativen Zukunftsaussichten vergessen.

Hilfe findet Amelie auf ihrer Flucht in dem ortskundigen Hirtenjungen Bart. In ihm findet sie einen echten Freund, der sich von ihrer zum Teil rotzfrechen und abweisenden äußeren Schale nicht abschrecken lässt und Stück für Stück einen Weg findet hinter die kühle und unnahbare Fassade, die Amelie zum Schutz ihrer eigenen Gefühle um sich herum aufgebaut hat.

Gemeinsam erleben sie die Gewalten der Natur bei Tag und Nacht. Und überwinden mit vereinten Kräften die Behinderung, die die Krankheit für Amelie darstellt. Obwohl niemand ihr das zugetraut hat, erreichen die beiden tatsächlich den Gipfel des höchsten Berges in der Umgebung. Dort oben, unter dem Gipfelkreuz, schreit Amelie so laut sie kann ihren Frust über die Lebenseinschränkungen aus sich heraus, die sie durch ihre schlechte Lungenfunktion und die Bevormundung der Erwachsenenwelt bisher erleiden musste.

Das Gipfelerlebnis ist aber auch zugleich der Wendepunkt in dieser Geschichte. Die Erwachsenen, die ihr den Weg in die Berge und das Erreichen des Gipfels niemals zugetraut hätten und die Suchtrupps in ganz andere Regionen talwärts schicken, lernen nach dem Wiedersehen die Emotionen, Wünsche und Eigenheiten von Amelie zu respektieren und beziehen sie von da ab besser in die weitere Heilbehandlung mit ein. Und Amelie – berauscht von den existenziell berührenden Erlebnissen und der erfahrenen Freundschaft mit Bart – lernt zu akzeptieren, dass sie für weitere spannende Lebenserfahrungen aktiv etwas für ihre eigene Gesundheit tun muss. Sie nimmt in Folge die Hilfestellungen des Betreuerteams an, worauf sich ihre gesundheitliche Lage und ihre Überlebenschancen signifikant verbessern.

Amelie lernt also, ihre eigene Biografie selbst in die Hand zu nehmen. Bestärkt wird dieser Gesinnungswandel in einem Ritual auf dem Berg: Am Abend der Sommersonnen-Wende entzünden die Bewohner des Tals auf den Gipfeln große Holzfeuer. Und die Legende besagt: Wer an diesem besonderen Abend über eine glühende Feuerstelle springt, darf sich nicht nur etwas wünschen für die Zukunft, sondern auch Belastendes aus der Vergangenheit hinter sich lassen.

Gipfelerlebnisse beschreibt die Bibel in großer Zahl. Ob Abraham, Mose, Elia oder Jesus – viele wichtige Personen, von denen die Bibel erzählt, haben auf Bergen wertvolle Impulse für ihr Leben und Ihren Glauben erfahren.

Liebe Konfirmanden! Auch die Konfirmation kann man symbolisch als rituelle Handlung am Gipfel einer Entwicklung sehen. Die Einsegnungsfeier ist der Zielpunkt Eures Unterrichts. Und in Zeiten von Corona, wo lange Zeit gar nicht klar war, ob und wie wir überhaupt kirchlich und familiär dieses Fest feiern dürfen, habt Ihr einen noch viel längeren und emotional herausfordernderen Weg bis zum Ziel gehen müssen. Ich hoffe daher, dass das Ritual der Einsegnung auch für Euren Glauben eine wertvolle Festigung bedeutet. Denn nichts anderes bedeutet das lateinische confirmare, von dem sich der Name dieses Festes ableitet: „festmachen“, „gründen“, „bestärken“.

Ich wünsche Euch für Euren Ehrentag unvergessliche Eindrücke und Gottes reichen Segen für Euren weiteren Lebensweg.

Bernhard Wielandt,

Gemeindepfarrer