Es gibt Sätze, bei denen merkt man: Irgendetwas passt nicht: „In zwanzig Jahren bin ich 12 Jahre alt.“, „Mein Großvater war 4 Jahre alt, als er starb.“ und „Ich spreche kein Deutsch.“ Fallen Ihnen auch ein paar solcher Sätze ein? Botschaften, die den Widerspruch schon in sich selbst tragen. In diese Liste lässt sich mühelos ein Wort aus der Offenbarung des Johannes einfügen. In vielen Gottesdiensten am Ostersonntag wird er zu hören sein: „Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und ich habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ Weder kluge Predigten noch intensiver Weihrauch können den Widerspruch auflösen, der in dieser Botschaft steckt. Wie aber reagieren wir, wenn wir merken: Das können wir nicht einfach so schlucken, das liegt uns im Magen wie verunreinigte Schoko-Eier?

Die Schlagzahl einschneidender Großereignisse hat sich in den letzten Jahren dramatisch erhöht. Doch so verwickelt die Lage durch Migration, Klimakrise, Pandemie und Krieg in der Ukraine auch sein mag – ein Name ist für unsere Zeit gefunden: Wir leben im postfaktischen Zeitalter. Die Selbstsicherheit, mit der russische Regierungsvertreter:innen den Krieg in der Ukraine als „Friedensmission“ oder „Spezialoperation“ bezeichnen, bestätigt dieses Etikett auf grausame Weise. Sortiert sich die Osterbotschaft auch in diese Kategorie ein? Passt sie nicht genau deshalb gut in unsere Zeit, in der „Fake-News“ einfach durchgewunken werden?

Tatsächlich war und ist die Kirche nicht frei davon, in ein ähnliches Fahrwasser zu geraten – immer dann, wenn das Unglaubliche an diesen Worten glattgebügelt wird: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.“ Man kann sie nicht einfach so für wahr halten wie den Satz „Ein Liter Milch kostet jetzt 1 Euro.“ Die österlichen Worte werden richtig verstanden, wenn sie ungläubiges Staunen bewirken. Erst dann können sie zu einer Hoffnungsbotschaft werden. Denn wenn jemand sagen kann: „Ich war tot, und siehe ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Dann ist alles möglich! Wenn der Tod besiegt ist, sind die grausamsten Herrscher nicht mehr sicher. Wenn der Tod besiegt ist, dann gibt es Hoffnung, selbst bei endgültigen Abschieden in diesem Leben. Wenn der Tod besiegt ist, verlieren alle anderen Schicksalsschläge ihre Schrecken. Wenn die dunkelste Stelle einer Höhle ausgeleuchtet ist, kann es an allen anderen Stellen nicht mehr absolut dunkel sein.

Deshalb feiern wir Ostern als ein Fest des Lebens und der Hoffnung. Diese Hoffnung hat viele Menschen darin bestärkt, gerade inmitten großer Krisen beherzt zuzupacken und das zu tun, was dem Leben dient – im Einsatz für Geflüchtete, für das Klima, für eine verantwortliche Gesundheitspolitik und nun wieder für die Menschen in der Ukraine. Der Satz „Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ ist ein widersprüchlicher Satz: Er führt uns zum Widerspruch gegen das Verzweifeln und ermutigt uns zu hoffen.

Ein frohes Osterfest wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer

Mathias Thurner

Evangelische Kirchengemeinde Sandhausen