„Wenn Sie Gemeindepfarrer*in werden wollen, muss Ihnen klar sein, dass Sie nicht nur einmal in Ihrem Berufsleben Kisten packen werden, liebgewonnenes hinter sich lassen, Abschied nehmen und an einem anderen Ort wieder neu anfangen müssen. Und das nicht nur Sie, sondern Ihre ganze Familie. Wenn Sie sich das nicht vorstellen können, machen Sie lieber gleich etwas Anderes“, an diese Worte unseres Ausbildungsleiters während meines Lehrvikariats vor 13 Jahren musste ich in der letzten Zeit immer wieder denken. Damals haben wir brav genickt, die meisten von uns haben sicher innerlich gedacht: „Das wird schon irgendwie“- und es war vor allem noch so weit weg. Wir hatten in dieser Zeit ganz andere Sorgen und haben in viel kleineren Schritten gedacht: Erst einmal das 2te Examen schaffen und im Assessement-Center die Kommission davon überzeugen, dass man es wagen kann, uns in den Pfarrdienst zu schicken. Dann eine Stelle als Probedienstler*in bekommen, die so liegt, dass auch der Partner noch zur Arbeit kommt und dann endlich: Die erste eigene Pfarrstelle! Wenn ich heute zurückblicke, frage ich mich, wo die Zeit geblieben ist, denn jetzt stehe ich genau an diesem Punkt, von dem unser Ausbildungsleiter damals gesprochen hat und von dem ich wusste, dass er irgendwann einmal kommt: Gehen und neu beginnen. Dabei habe ich manchmal das Gefühl, ich hätte erst gestern in Sandhausen angefangen, aber wenn ich dann meine Kalender in die Hand nehme (ich habe sie alle aufgehoben), dann wird mir bewusst, wie viele Ereignisse, Begegnungen und besondere Momente in diesen Jahren doch stattgefunden haben! Wie viele Menschen durfte ich begleiten in den unterschiedlichsten Situationen ihres Lebens, wie oft wurden mir Türen geöffnet und Vertrauen geschenkt. So viele Taufen, Trauungen und Beerdigungen und immer standen Menschen mit ihrer je eigenen Geschichte dahinter. Wie oft habe ich mich innerlich mitgefreut über schöne Ereignisse und innerlich mitgeweint vor allem über die endgültigen Abschiede, die uns auf den Friedhof geführt haben. Aber immer war ich eingebettet in das große Ganze, das sich Gemeinde nennt. Seien es die Kolleg*innen, die Mitarbeiter*innen, die Erzieherinnen, die Ehrenamtlichen, die Gemeindeglieder.

Und dennoch ist der Gedanke in den letzten Monaten immer wieder aufgetaucht, erst ganz weit hinten im Kopf, dann vehementer: Schaffe es, dann zu wechseln, wenn deine Familie noch bereit dazu ist, denn alle müssen mit, und zwar mit allem was dazugehört: Schulwechsel, neue Freunde, neue Arbeitswege für den Partner, neue Bleibe.

Als ich meine erste Stelle hier in Sandhausen angetreten habe, war ich froh darüber, dass sie nur mit 75% ausgeschrieben war, denn die Kinder waren noch klein, und vieles ließ sich anfangs dadurch besser miteinander vereinbaren. Aber mit den Jahren sind die Kinder natürlich größer, selbständiger geworden, seit einem Jahr brauchen wir keine Babysitter mehr für die Abendtermine, plötzlich herrscht nachmittags Ruhe in der Wohnung, weil keiner da ist- Zeit für mich zum Arbeiten. Aber, das will ich nicht verschweigen, auch der reale Umfang der Stelle ist über die Jahre immer mehr gewachsen und es war eigentlich kaum möglich, nicht Woche für Woche über diesen 75% zu liegen. Darum ist in mir auch der Wunsch nach einer ganzen Stelle und einem vollen Gehalt gewachsen.

Umso schöner, dass eine Pfarrstelle in Walldorf ausgeschrieben wurde, denn das hieße ja, in der Nähe bleiben, Kontakte aufrechterhalten und auch für die Kinder das ein- oder andere Liebgewonnene behalten können. Und trotzdem: Es ist ein Neuanfang. Und so soll es ja auch sein. Ich denke, dass die Landeskirche uns aus gutem Grund dazu anhält, in regelmäßigen Abständen einen Schnitt zu machen und uns eine neue Gemeinde zu suchen. Und damit verbunden, sich neuen Strukturen zu stellen. Denn es zwingt uns auch, aus der Routine auszubrechen, uns weiterzuentwickeln, neues auszuprobieren, aber auch bewährtes und bereits erprobtes an neuen Orten einbringen zu können. Aus diesem Grund freue ich mich auf den Wechsel. Ich habe in Walldorf ebenso wie damals in Sandhausen sehr herzliche, offene Menschen kennen gelernt, die engagiert sind und Lust haben, etwas zu bewegen.

Wenn ich heute zurückblicke, bin ich dankbar für die Umstände, die mich damals nach Sandhausen geführt haben, meine erste Stelle war eine gute Stelle! Ich habe mich immer willkommen und aufgehoben gefühlt und ich werde so vieles in meinem Herzen mitnehmen. Und meine Füße werden sicher immer wieder den Weg nach Sandhausen finden.

Und auch wenn es nicht mehr so viele Gottesdienste sein werden, freue ich mich auf die, die wir noch miteinander als Gemeinde feiern können, so z.B. auch den kommenden Sonntag, an dem wir bereits den 6. Sonntag nach Trinitatis begehen. Der 139te Psalm ist für diesen Sonntag unser Leitpsalm, einer, wie ich finde, der schönsten und persönlichsten, den wir im Alten Testament haben. Denn in diesem Psalm beschreibt König David, dem dieser Psalm zugeschrieben wird, Gott nicht in abstrakten philosophischen Sätzen, sondern in seiner persönlichen Beziehung zu ihm. „Du erforschest mich und kennest mich “, heißt es, und hier findet ein Rollentausch statt. Nicht der Mensch findet sich in der gewohnten Position des Erforschenden und Erkennenden wieder, sondern Gott, er kennt mich durch und durch! Diese Vorstellung kann ja durchaus auch zwiespältige Gefühle auslösen. Und wir kennen diese Ambivalenz ja nicht nur in Bezug auf Gott. Auch das erkannt werden durch Menschen erfahren wir als zweischneidig: Wir sehnen uns danach, durchdrungen und im Tiefsten verstanden zu sein. Und doch kann uns das auch als Bedrohung erscheinen, wenn Menschen uns auf einmal zu gut kennen. Nur in der Liebe und im rückhaltlosen Vertrauen kann diese Zwiespältigkeit überwunden werden. Das gilt auch Gott gegenüber. „Von allen Seiten umgibst du mich “ – das ist Trostwort dem Glaubenden.

Die Gegenwart Gottes umfasst auch meine Zeitläufe: Vom kunstvollen Schaffen Gottes „im Mutterleibe“ bis hin zu den Tagen, „die noch werden sollten“. Meine Vergangenheit liegt offen vor ihm, ich brauche sie vor ihm nicht zu verstecken und ich muss auch nicht in Angst leben vor der Zukunft, denn auch sie steht ihm vor Augen. Nicht im Sinne einer unabänderlichen Festschreibung meines Weges. Die Bibel entlässt uns nicht aus der Spannung zwischen dem umfassenden Wissen Gottes und der Entscheidungsfreiheit des Menschen. Meine Taten, die klugen, sowie die unklugen muss ich selber tun und Gott wird auch nicht alles Schwere von mir fernhalten. Aber auch darin ist er da und wird sich als der führende und haltende Gott erweisen.

 

So verbleibe ich diesmal mit vielen unterschiedlichen Gefühlen im Herzen: Wehmut über den bevorstehenden Abschied, Freude über die vielen schönen Ereignisse an denen ich teilhaben durfte, auch ein wenig Stolz auf die Dinge, die ich geschafft habe -auch wenn einiges liegengeblieben ist, und ich nicht allen Gemeindegliedern gerecht werden konnte-  Neugier und Spannung auf das Neue und vor allem eins: Dankbarkeit für die Zeit, die ich hier haben durfte! Es grüßt Sie herzlich Ihre Pfarrerin H. Freidhof

                                                

P.S. Anlässlich des bevorstehenden Umzuges habe ich in unseren Fotoalben geblättert und ein Bild von meiner Einführung im September 2013 gefunden. Axel Schmitt war so lieb und hat uns in diesen Tagen noch einmal in der Kirche fotografiert.

Mensch, sind wir groß (oder alt? ;)) geworden…