Die Kirchen sind seelsorglich da, auch in der Corona-Krise. Auch jetzt, in Zeiten von Kontaktbeschränkungen, werden Menschen seelsorglich begleitet. Noch mehr als bisher geschieht Seelsorge im Verborgenen: am Telefon, durch Briefe und digitale Medien, über Skype, auf Türschwellen mit angemessenem Abstand, in der „offenen Kirche“ mit weiten Zwischenräumen, bei einem Gang zu zweit, in der freien Natur. Kirche begleitet auch in Zeiten der Pandemie, in ganz vielfältiger, kreativer Weise, mit Straßenmalkreide und auch im Gebet und in der Stille.[1]

Kirche begleitet mitten in der Krise, in den Krankenhäusern: Die Klinikseelsorge kommt, wenn sie gerufen wird und wo sie besonders nötig ist, dazu bleibt sie im Gespräch mit Stationsleitungen und Mitarbeitenden. Sie kommt auch zu Menschen, die an Covid-19 erkrankt sind, auch zu denen, die beatmet werden und zu denen, die daran sterben, in Vollschutzkleidung, die vom Haus zur Verfügung gestellt wird. Die Seelsorgenden haben Zeit und ein Ohr für die Lasten der Mitarbeitenden; sie begleiten Angehörige und fungieren als Kontaktperson zwischen Isolierten und ihren Familien; sie sind da für Menschen in Not, auch in der Kapelle, mit gestreamten bzw. in die Zimmer übertragenen Gottesdiensten, mit schriftlichen Patientengrüßen, im Gebet, in der Stille.[2]

Auch bei vielen Pflegeheimen gelingt es der Seelsorge Kontakt zu halten, mit Andachten in Innenhöfen, Singen auf Balkonen, Telefonieren am offenen Fenster, Seelsorge per Skype, Leseandachten und Briefbotschaften auch für Mitarbeitende. Aber Seelsorge an Telefon oder Tablet kommt bei unseren Ältesten rasch an Grenzen, insbesondere bei Schwerhörigen, Sehbehinderten und demenziell Erkrankten; Schutzkleidung, die einen persönlichen Kontakt ermöglichen könnte, ist in der Mehrzahl der Pflegeheime immer noch knapp; die Zahl der Covid-Infizierten und -Toten steigt. Vor ähnlichen Problemen stehen wir in vielen diakonischen Einrichtungen: Für Menschen mit Behinderung, die größtenteils zu den Risikogruppen gehören, sind die Corona-Maßnahmen oft verstörend; sie leiden unter der Isolation, dem fehlenden Körperkontakt; auch hier fehlt es an Schutzkleidung; die Mitarbeitenden tun alles, um die Not zu kompensieren. Auch in den Kirchengemeinden versuchen wir gerade bei den Menschen, die besonders angewiesen sind, seelsorglich Kontakt zu halten; aber bei den Ältesten, die zuhause leben, bei Schwerkranken und Sterbenden ist Seelsorge am Telefon oder im Chat schwierig; die ambulanten Pflegedienste, die in viele Häuser kommen und vielfältige Not erleben, klagen nach wie vor über Mangel an Schutzkleidung; Angehörige und Pflegende sind oft am Rande ihrer Kräfte.

Es ist ein tiefes Dilemma, für Gesellschaft, Kirche und Diakonie: Um die besonders Vulnerablen zu schützen, müssen zum gegenwärtigen Zeitpunkt genau diese Personen isoliert werden, bis ausreichend Schutzkleidung vorhanden ist und bis mehr Schnelltests zur Verfügung stehen. Pflegeheime und Behinderteneinrichtungen erschweren den Zugang nicht, weil sie die Seelsorge aussperren wollen, sondern aus großer  Sorge um ihre Bewohnerinnen und Bewohner. Es ist eine schmerzhafte Erfahrung für Diakonie und Kirche: Alte, kranke und einsame Menschen nicht aufzusuchen, widerspricht zutiefst dem Herzensanliegen der Nachfolge Jesu, gerade diesen Menschen nahe zu sein (vgl. Mt 25,35ff). Es ist auch eine Lernerfahrung: Demut empfinden, auf direkte Resonanz verzichten, aufs Gebet vertrauen, dem andern Menschen etwas zutrauen – und dabei unsere Endlichkeit akzeptieren und die Wirklichkeit zu akzeptieren, wie sie jetzt ist.

Die Kirchen sind seelsorglich da, gerade jetzt. Viele und neue Aufgaben kommen in der Seelsorge auf uns zu. Die Pandemie schlägt tiefe Wunden und bringt viele Verluste. Einige Kirchenbezirke haben deshalb Notrufzentralen eingerichtet, für Covid-Todesfälle und auch für seelsorgliche Anliegen[3]. Digitale Gottesdienstfeiern, zunehmend auch in Gebärdensprache, haben große seelsorgliche Wirkung, ähnlich die ausgedruckten Predigten und Andachten in den Briefkästen, für die es keinen elektronischen Zugang braucht. Die würdige Gestaltung von Trauerfeiern, trotz harter Rahmenbedingungen, hat eine nicht zu unterschätzende seelsorgliche Bedeutung für die Hinterbliebenen. Neue Formen des symbolischen Abschiednehmens sind einzuüben[4]. Die weitere Begleitung von Mitarbeitenden in Behinderteneinrichtungen, Krankenhäusern und Pflegeheimen bleibt zutiefst wichtig und sinnvoll. „Leibhaftige“ Seelsorge in Pflegeeinrichtungen kann nach jetzigem Kenntnisstand behutsam wieder aufgenommen werden durch Kolleg:innen, die eine Covid-Erkrankung hinter sich und vom jeweiligen Gesundheitsamt grünes Licht bekommen haben. Sobald ausreichend Schutzkleidung zur Verfügung steht – Diakonie und Kirche sollten dieses gemeinsame Anliegen öffentlich immer wieder deutlich machen –, kann die persönliche Begleitung der besonders Vulnerablen sowohl in Einrichtungen der Behinderten- und der Altenpflege als auch im häuslichen Bereich wieder intensiviert werden[5]. Wenn die Situation in den Kliniken weiter stabil bleibt, wird die Klinikseelsorge versuchen, die Sterbebegleitung bei Covid-Erkrankten stärker von ihrer palliativen Grundüberzeugung her zu gestalten, v. a. durch das Hinzuziehen von Angehörigen. In den Kirchengemeinden kann bereits jetzt die Wiederaufnahme seelsorglicher Hausbesuche[6] nach Aufhebung der Kontaktbeschränkungen vorbereitet werden, mit ärztlicher Beratung und ausgestattet mit Mund-Nasen-Schutz (OP-Masken). Es braucht offene Sinne für neue Nöte und wachsende Sorgen bei Trauernden; bei Traumatisierten, nach Beatmung, nach Isolation, nach Verlusten; bei Mitbürgerinnen und Mitbürgern in prekärer wirtschaftlicher Lage.

Es geht immer noch vorrangig um den Schutz von Leben. Dem dienen die Rahmenbedingungen, die der Staat setzt, so die anhaltenden Kontaktbeschränkungen, das Verbot von Gottesdienstfeiern in Kirchen und unter freiem Himmel, Vorgaben für Trauerfeiern, Vorgaben zum Sicherheitsabstand, dringliche Empfehlung von Schutzmasken, Erlaubnis des Zutritts zu Heimen und Kliniken nur mit Einverständnis der Einrichtungsleitung. Oberste Priorität hat dabei der Schutz von Gesundheit und Lebenaller Beteiligten.

Unter Berücksichtigung dieser Rahmenbedingungen sind Seelsorgende im Auftrag der Kirche jetzt verstärkt im Einsatz. Je nach Ort sind dies Pfarrer:innen und Diakon:innen (in Gemeinden, Heimen, Kliniken, Gefängnissen, Beratungsstellen), Religionslehrer:innen und auch Ehrenamtliche, wo sie derzeit tätig sein dürfen (Telefonseelsorge, Notfallseelsorge, Flüchtlingsarbeit). Zusammen mit anderen systemrelevanten (Berufs-)Gruppen tragen sie einen wichtigen Teil zur Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Stabilisierung und Normalität, soweit das möglich ist, bei. Gemeinsam mit den gesellschaftlichen und politischen Verantwortungsträgern trägt Kirche ihren Teil dazu bei, die Vorgaben des Staates und der betreffenden Einrichtungen einzuhalten, um andere und sich selbst möglichst nicht zu gefährden, und dabei insbesondere vulnerable Menschen und Gruppen, zu schützen.

Dr. Grau / Kast-Streib / 17.04.2020


[1] Beispiele unter www.ekiba.de/kirchebegleitet und https://ekiba.de/html/content/tipps_fuer_gemeinden_in_zeiten_der_corona_krise.html und unter www.elk-wue.de/Gemeindeleben online.

[2]Z.B. Angebote der Klinikseelsorge für Mitarbeitende: „Etwas von der Seele reden…“ (Tübingen) „Wir sind für euch da…“ (Sindelfingen), Seelsorgetelefon für Mitarbeitende (Rechbergklinik Bretten); Begleitung Angehöriger per iPad (Lörrach)

[3] U. a. in Konstanz, Überlingen-Stockach, Öhringen, Stuttgart und Tübingen: Notruf bei Covid-Todesfällen; in Öhringen auch bei seelsorglichen Anliegen.

[4] Vgl. „Abschiednehmen von Verstorbenen in Corona-Zeiten“ und „Trauerritual für Angehörige zuhause“ in den Anhängen

[5] „Bei der Verteilung von Schutzkleidung hat die medizinische Grundversorgung oberste Priorität.“ (Handreichung für Seelsorger*innen, S. 1) Schutzkleidung ist nach den Standards der Einrichtungen zu benutzen; Seelsorge bei Covid-Erkrankten und -Sterbenden ist grundsätzlich immer nur in Vollschutzkleidung möglich.

[6] S.a. Handreichung unter https://www.ekiba.de/html/content/tipps_fuer_gemeinden_in_zeiten_der_corona_krise.html